Wir cremen und „pflegen“ zu häufig – auch mit zu vielen reizstarken Inhaltsstoffen, sagen Dermatologen. Die Beauty-Industrie versucht mit „minimalistischen“ Produkten zu reagieren – nach dem Motto ein neues Beautyritual ist besser als keines mehr. Aber wieviel weniger in der Creme und auf der Haut ist wirklich effektiv?

Nur Wasser und Liebe also? Wohl bei keinem „Hauttyp“ scheint dies im Normalfall mehr zu gelten als bei Kindern – und ist zugleich am meisten nachvollziehbar. Denn die rosige, glatte Haut von Kindern braucht in der Regel keine Creme, da sind sich Experten seit langem einig. Und blickt man in manche Foren, so haben aktuelle „Bestseller-Dermatologinnen“ wie Yael Adler mit ihrem Aufruf, Babyöle überhaupt nicht zu verwenden, bereits manche schockierte Helikopter-Mutter zum Nachdenken bewegt. Gerade Babyöle würden der Haut Feuchtigkeit entziehen und die Haut austrocknen, sagt Yael Adler.

Also warum überhaupt Eincremen, wenn die Haut sich oft selbst genug ist?

Warum verabreichen gerade Frauen ihrer Haut einen täglichen Cocktail aus Serum, Toner, Peeling und Cremes mit hunderten sich potenzierenden Inhaltsstoffen, die die körpereigene Fettbarriere wegschrubben und die Haut spannen und jucken lässt?

Es geht bei vielen täglichen Beauty-Ritualen meist um die Versorgung mit ausreichend Feuchtigkeit für junge, frische Haut, gekoppelt mit viel Glaube, Psychologie und Marketing. Das ist klar. Dabei diskutieren allerdings Dermatologen darüber, ob das tägliche Eincremen die schützenden Hautreflexe verändert und sie in gewisser Weise „abhängig“ vom Eincremen macht. Denn die Creme, so wird argumentiert, modifiziert unsere schützende Hornschicht in der oberen Hautschicht, die von einer körpereigenen Fettschicht zusammengehalten wird. Der natürliche Wasserhaushalt wird dabei insofern gestört, als dass die Creme wie eine Barriere wirke: Wasser kann nicht mehr aus der Haut, staut sich und wird von den Hornzellen aufgenommen. Als Ergebnis ist die Haut feuchter und glatter.

Doch zugleich sinkt die „Mörtelkraft“ der körpereigenen Fettschicht, die Hornzellen sind weniger fest miteinander verbunden und brauchen quasi die Creme von außen. Denn ohne Creme tritt vermehrt Wasser aus und Schadstoffe können leichter eindringen. In der Folge wird die zu häufig gecremte Haut trockener, gereizter, anfälliger. Sie hört auf, sich selbst zu versorgen.

Wobei andere betonen: Dass die Haut nach einigen Tagen ohne Creme sehr wohl zu ihrem natürlichen Feuchtigkeitsgehalt zurückkehrt.

Nicht „vorbeugend“ cremen?

Die Haut ist bekanntermaßen vielen Umwelteinflüssen ausgesetzt. Wetter, Umweltgifte etc. sind äußere Faktoren. Stress, wenig Schlaf, zu viel UV-Strahlung, Alkohol, Nikotin und eine falsche Ernährung „hausgemachte“ Faktoren. Die Haut muss entsprechend grundsätzlich gereinigt und gepflegt werden. Allerdings genügt bereits das Waschen mit reinem Wasser und anschließendem Abtrocknen mit dem Handtuch – auch bei Make-up, betont unter anderem Yael Adler. Und wenn der Haut Feuchtigkeit fehlt – sie also wirklich Unterstützung braucht bzw. die Haut repariert werden muss, ist zusätzlich eine Creme sinnvoll.

Wichtig ist dann die richtige Creme, passend zum Hauttyp, zum Klima, zur Lebenssituation. Hier lohnt es sich auch mit Fachleuten den individuellen Hauttyp in verschiedenen Körperbereichen zu bestimmen und nicht auf Mittel für alle zu setzen. Im Allgemeinen gilt die Grundregel: Bei fettiger Haut wässrige, wenig ölhaltige Cremes, bei trockener Haut cremigere, fetthaltigere. Optimal sind wenige, reizarme Inhaltsstoffe, denn mit vielen Ingredienzen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese die Haut nicht verträgt und mit Ausschlägen reagiert. Tabu sollten ohnehin umstrittene Stoffe wie Parabene, PEG (Polyethylenglykol), Petrochemikalien, Nanopartikel oder synthetische Duftstoffe sein.

Schöne, neue Less is more-Kosmetik?

Große Luxusmarken der konventionellen Beauty-Industrie haben auf den „Weniger ist mehr“-Trend inzwischen auch mit „minimalistischen“ Produkten reagiert, die sowohl weniger Inhaltsstoffe enthalten, als auch weniger Produkte in einer Serie umfassen, um die täglichen Beauty-Rituale zu vereinfachen und effizienter zu machen. Zehn Inhaltsstoffe und weniger sollen hier bei manchen bereits für eine schonendere Behandlung sorgen. Die Organic-Kosmetik arbeitet mancherorts sogar nur noch mit drei wie Sheabutter, Oliven- und Kokosöl. Entscheidend ist, das betonen Dermatologen, dass die wirkungsvollsten Stoffe in ausreichend wie verträglicher Konzentration enthalten sind. Gerade bei Anti-Aging-Produkten fehlt häufig ausreichend Hyaluron- oder Fruchtsäure, um überhaupt Creme-Effekte zu erzeugen.

Aber es bleibt heute der Expertentenor: Die beste Creme der Welt produziert der Körper selbst. Gesunde Haut versorgt, schützt und regeneriert sich allein. Die Fettmischung aus Epidermisfetten als körpereigene Schutzfette in der obersten Hautschicht und dem Talg kann keine künstlich hergestellte Creme besser herstellen. Und natürlich bringt auch ein Glückshormon reiches und gesundes Leben etwas. Kinder zeigen das am eindrucksvollsten.