Isst Du schon oder diskutierst Du noch? Und vor allem: Was isst Du? Eher Paläo, also angelehnt an die Ernährung des Steinzeitmenschen? Meidest Du Fleisch, isst aber Fisch, und bist damit Pescetarier? Vegetarier, Veganer, Low-Carb, Trennkost, mit oder ohne Laktose oder Gluten? Die Ernährung, was wir essen und vor allem, was wir nicht essen, ist zu einer quasi-Religion geworden. Und die Befürworter der einen oder anderen Seite kämpfen teilweise vehement für ihren „Glauben“.

Doch was ist dran an Ernährungstrends, die ja zum Teil noch sehr neu sind? Nehmen wir uns also die wissenschaftlichen Grundlagen vor. Die werden in Deutschland maßgeblich von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mitgeprägt. In ihren zehn Leitlinien empfiehlt die DGE unter anderem „5 am Tag“, also fünf Portionen Obst oder Gemüse täglich. Sie empfiehlt, ein bis zwei Mal in der Woche Fisch zu essen. Und Fleisch? „Wenn Sie Fleisch essen, dann nicht mehr als 300 bis 600 g pro Woche“, heißt es. Zudem sollen wir Vollkornprodukte wählen, Zucker und Salz hingegen meiden. Auch Milch und Milchprodukte sieht die DGE auf der Liste der empfehlenswerten Lebensmittel. Außerdem sollten gute Fette mit hohem Omega 3-Anteil auf den Tisch. Transfette, wie sie in Pommes oder Chips vorkommen, sind dagegen eher schädlich. Wer sich nach diesen Leitlinien ernährt, hat zumindest die Wissenschaft auf seiner Seite.

Wissenschaft kümmert sich allerdings nicht um Moralvorstellungen, Vorlieben, Fitness-Trends, den eigenen Magen. Und die Leitlinien erfassen natürlich auch nicht die Menschen, die tatsächlich gesundheitliche Einschränkungen haben. Wer an Zöliakie leidet, meidet auch das tollste Vollkornbrot, wenn es aus Dinkel oder anderen glutenhaltigen Getreidesorten besteht. Und mit einer Laktoseintoleranz ist das Glas Milch am Morgen tabu. Wer unter Rheuma leidet, kann mit Ernährung viel falsch oder ganz viel richtig machen, und damit einen großen Beitrag zur eigenen Gesunderhaltung beitragen. Überhaupt empfehlen Ärzte für fast jede Zivilisationskrankheit inzwischen eine andere Ernährung. So wird etwa die ketogene Ernährung bei Kindern angewandt, die an Epilepsie leiden. Diese sehr fettreiche und gleichzeitig sehr kohlenhydratarme Ernährung führt zu einer sogenannten Ketose. Viele neurodegenerative Krankheitsbilder sollen von der ketogenen Ernährung profitieren, die unter anderem auch die Darmflora positiv beeinflussen sowie die Entzündungsreaktion im Gehirn mindern soll.

Superfood ist auch nur Nahrung

Am Ende ist es doch so: Wir sollten die Ernährung wählen, die uns guttut. Wer sich genau beobachtet, wird schon merken, ob ihm etwa die vielgepriesenen Gojibeeren munden, oder ob er davon, im Gegenteil, Magenschmerzen bekommt. Überhaupt sind die vermeintlichen Superfoods ja auch so eine Sache. Der Kreislauf scheint immer der gleiche zu sein: Sie werden von bestimmten Kreisen gehypt, kommen langsam im Mainstream an. Dann erscheinen auch ganz schnell die Berichte, wonach die vermeintliche Super-Wirkung dann doch nicht so toll ist.

Wir erinnern uns an Chia-Samen. Die kleinen gräulichen Perlchen, die nach kurzem Einweichen eine geleeartige Masse bilden, sind seit einigen Jahren als Superfood im Trend. Auch der Discounter hat sie inzwischen im Regal. Irgendwann mehrten sich die Berichte, wonach der heimische Leinsamen ebenso gesund sei, oder sogar gesünder. Und er muss eben nicht aus fernen Ländern importiert werden. Aber er ist halt nicht neu, nicht hipp, und damit für eine bestimmte Klientel vermutlich nicht besonders genug, um probiert zu werden.

Ernährungstrend auf dem Prüfstand

Doch schauen wir uns einige Ernährungstrends genauer an:

Paläo: Anhänger der Paläo-Ernährung vertreten die Auffassung, dass sich die damalige Ernährung evolutionsbedingt auch heute noch positiv auf den Menschen auswirkt, da die Gene der Menschheit seit Jahrtausenden unverändert sind. Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Gemüse, Obst und Nüsse stehen auf dem Speisenplan. Auf andere Lebensmittel wie Getreide, Hülsenfrüchte, Zucker oder Milch und Milchprodukte, wird dagegen komplett verzichtet. Fazit der DGE: Der tägliche hohe Verzehr tierischer Lebensmittel ist unter Gesundheits- und Nachhaltigkeitsaspekten kritisch zu sehen. Zum anderen kann der völlige Verzicht auf Lebensmittel wie Getreideprodukte, Hülsenfrüchte und Milchprodukte langfristig möglichweise zu einem Nährstoffmangel führen.

Vegan: Vegan lebende Menschen meiden entweder alle Nahrungsmittel tierischen Ursprungs oder sie lehnen generell die Verwertung tierischer Produkte ab, tragen also auch keine Lederschuhe oder ähnliches. Ob und wie Veganer von ihrer Ernährung gesundheitlich profitieren, ist noch vergleichsweise wenig erforscht. Die Zeitschrift GEO erklärt: „Gesichert ist, dass sich der Verzicht auf tierische Lebensmittel bei einer sonst ausgewogenen Ernährung nicht schädlich auswirkt – allerdings kostet das etwas Aufwand: Um Mangelerscheinungen zu vermeiden, müssen sich Neu-Veganer einiges Wissen über Nahrungsmittel und ihre Inhaltsstoffe aneignen.“ Größtes Risiko ist die Unterversorgung mit Vitamin B12, das an Zellteilung, Blutbildung und der Funktion des Nervensystems beteiligt ist und nahezu ausschließlich in Lebensmitteln tierischen Ursprungs vorkommt. Weil die körpereigenen Speicher drei bis fünf Jahre reichen, macht sich ein Mangel an Vitamin B12 meist erst spät bemerkbar – aber er kann zu bleibenden neurologischen Schäden führen. GEO schreibt weiter: „Immer mehr Neu-Veganer setzen die Ernährungsumstellung als Selbstmedikation ein, gegen Hautprobleme, Verdauungsbeschwerden, Migräne oder Gicht.“

Insulin-Trennkost-Diät: Ziel ist es, durch die möglichst geringe Insulinausschüttung Gewicht zu verlieren. Meist werden drei Mahlzeiten am Tag gegessen, die entweder Kohlenhydrate oder Proteine enthalten. Abends wird weitgehend auf Kohlenhydrate verzichtet, um die nächtliche Insulinausschüttung zu drosseln. Die DGE schreibt dazu: „Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, Kohlenhydrate und Proteine getrennt zuzuführen, da der Körper beides gleichzeitig verdauen kann. Auch fehlt der Nachweis, dass eine geringe nächtliche Insulinausschüttung die Gewichtsabnahme dauerhaft fördert.“

Das richtige Maß

Das sind nur drei der möglichen Ernährungsformen. Und wir sind sicher: Es gibt demnächst wieder einige mehr.

Was also? Sind Kohlenhydrate an allem schuld? Oder doch der Industriezucker? Oder essen wir generell einfach zu viel? Parole Sonntagsbraten oder Schnitzel für alle? Oder ist es damit getan, dass wir uns einfach mal wieder an den Herd stellen, weil Fertiggerichte immer und ausschließlich böse sind? Vielleicht liegt die Lösung in einer gesunden Mischung aus allem. Vielleicht sollten wir aber auch einfach nur lernen, Maß zu halten.

Halten wir also fest:

  • Einige Krankheiten können mithilfe einer gezielten Ernährung offenbar positiv beeinflusst werden.
  • Wer mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Egal, ob das mit zu viel Fleisch, zu viel Gummibärchen oder zu viel von allem geschieht.
  • Wer Fleisch isst, ist kein schlechterer Mensch als ein ausgewiesener Veganer.
  • Ein schlechtes Gewissen (zu haben oder zu machen) ist im Zusammenhang mit Ernährung immer der falsche Ansatz.
  • Es schadet aber auch nicht, sich Gedanken darüber zu machen, wie ein Tier gelebt hat (und gestorben ist), das zum Sonderpreis in Zellofan eingepackt, im Supermarkt verkauft wird.

Hören wir also in Zukunft auf unser Bauchgefühl. Denn der Bauch, oder der Magen, oder der Darm, weiß sehr genau, was ihm guttut. Die meisten überhören die Signale aber – über Jahre oder gar Jahrzehnte. Vielleicht ist es also an der Zeit, einfach mehr zuzuhören – so oder so.