Aktivkohle wird wegen seiner reinigenden Wirkung seit Ewigkeiten in der Medizin eingesetzt. Vor ein paar Jahren hat hierzulande die Beauty-Welt das schwarze Pulver neu für sich entdeckt. Viel Nutzen oder kosmetiktypisches Marketing?

Wer bei Magen-Darm-Erkrankungen schon zur Kohletablette gegriffen hat, weiß um die unterstützende reinigende Wirkung, ohne das Gefühl, „Chemie-Hämmer“ zu sich genommen zu haben. Seit Jahrtausenden bereits wird das schwarze Pulver in der Medizin zur Behandlung von Giftstoffen im Körper genutzt. Denn die aus natürlichen Rohstoffen wie Linden- oder Kiefernholz gewonnene Kohle wirkt durch ihre poröse Struktur und der großen Oberfläche wie ein Schwamm, der Gifte oder Bakterien anzieht, bindet und aus dem Körper ausscheidet. Aufgrund dieser Eigenschaft und seiner antibakteriellen Wirkung findet Aktivkohle auch zur Entgiftung in Getränken und zur Reinigung von Wasser in Kläranlagen Verwendung. Belege für die Reinigung der Haut reichen hierzulande bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. In Afrika und Asien wiederum wird Aktivkohle bis heute als Zahnputzmittel verwendet, indem sie Verfärbungen schonend beseitigt.

Hat Aktivkohle hier und heute also auch das Zeug als Beauty-Star? Oder handelt es sich wieder um viel Marketing und Storytelling, in der sich immer wieder neu erfindenden Kosmetikindustrie? Jein, würden viele Mediziner, Chemiker und vielleicht auch Kosmetikindustrie-Vertreter sagen. Denn grundsätzlich reinigt Aktivkohle effektiv – allerdings primär in purer Form statt zugesetzt in bereits inhaltsreichen Cremes, Duschgels, Shampoos und Gesichtsmasken. Denn Aktivkohle kann nur dann Schmutz und Öl aus den Hautporen ziehen, wenn ihre eigenen Poren nicht bereits durch die in Cremes & Co. enthaltenden Stoffe „verstopft“ sind. Und Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas wirken kann ist, dass echte Aktivkohle – deklariert als Charcoal – enthalten ist und nicht, wie häufig, nur zugesetzter einfacher Ruß (Carbon Black“ oder CI 77266). Kohle-Pflaster, die man zur Reinigung auf die Haut klebt, könnten noch am ehesten funktionieren. Bisher gibt es allerdings ohnehin keine unabhängigen Studien, die die Wirksamkeit untersuchen. Hinzu kommt, dass Aktivkohle nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Stoffen unterscheidet und auch Nährstoffe und Vitamine bindet. Im Darm neutralisiert sie womöglich sogar Medikamente. Und schließlich gibt es unter Umständen auch Schadstoff-Vorwürfe. Je nach Art der Herstellung entstehen bei der Verbrennung Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die in einigen Produkten nachgewiesen worden sind. PAK sind entsprechend der EU-Kosmetikverordnung verboten und potenziell krebserregend.

Also doch nur alles Marketing mit schwarzen Farbspielen? Mit Blick auf viele aktuelle Produkte auf dem Markt scheint es so, auch aufgrund ihrer Hochpreisigkeit. Mit Kohle wird sozusagen neue „Kohle“ gemacht. Doch das Potenzial von Aktivkohle bleibt. Unter Beachtung aller „Wenns“ – durchaus.