Letztens erst wieder ein längeres Gespräch mit einer Freundin geführt, die gerade vom Friseur zurückgekehrt war. „Ich konnte es nicht glauben, 180 Euro musste ich bezahlen“, erzählt sie aufgebracht. „180“, setzte sie nach und die gedachten Ausrufezeichen schwebten durch den Raum. Das ist in der Tat viel Geld für Waschen, Schneiden und „neue Farbe“. Doch der Protest an der Kasse des Salons bleibt zumeist aus. Meist beschränkt er sich auf besagte Gespräche im Freundeskreis. Denn, so die einhellige Meinung, ändern könne man an den Preisen ja ohnehin nichts. Und: Wer einmal den „richtigen“ Friseur gefunden hat, der mag partout nicht wechseln. Warum auch, wenn es anderswo im Zweifel genauso teuer ist?

Preisunterschiede zugunsten der Männer

Gerade Frauen wird nachgesagt, dass sie der Schönheit wegen viel Zeit und vor allem viel Geld beim Friseur ihres Vertrauens lassen. Aber auch immer mehr Männer werden mutiger, und auch eitler. Doch die Preise, die beim Friseur aufgerufen werden, laufen diesem Trend hinterher. Und das zugunsten der Männer, denn die zahlen in der Regel 20 bis 60 Prozent weniger als die weibliche Kundschaft. Selbst wenn Männer und Frauen einen sehr ähnlichen, kurzen Haarschnitt bevorzugen.

Männer wollen immer gleich aussehen – Frauen nicht

„Der Kunde bezahlt letzten Endes keinen Haarschnitt, sondern Zeit und Expertise“, sagt Timo Oertel, stellvertretender Obermeister der Friseurinnung Gießen. Am Ende wollten die meisten Männer, die es sich in seinem Stuhl gemütlich machen, genau so aussehen, wie sie immer aussehen. Das sei bei Frauen einfach anders. Sie wollten ihre Frisur in der Regel vorab besprechen, selbst, wenn das Ergebnis dem bekannten zumindest sehr ähnle. In der Regel kalkuliere er in seinem Salon für einen Herrenhaarschnitt 30 Minuten ein, für einen Damen-Kurzhaarschnitt 45 Minuten, die Preise für längere Haare folgten entsprechend. Auch, weil beim Mann die Arbeitsschritte deutlich schematischer seien und man einem festgelegten Protokoll folge. Selbst beim Damen-Kurzhaarschnitt sei die Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten ungleich größer und verlange mehr Abwägungsprozesse und Detailarbeit, die entsprechend Zeit kosteten.

Der Zeitaufwand soll den Unterschied machen

Friseure, die sich unter dem Siegel „Der faire Salon“ zusammengeschlossen haben, sprechen das Thema „unterschiedliche Preise für Männer und Frauen“ auf ihrer Website an. Auch dort heißt es, der Zeitaufwand für Männer- und Frauen-Haarschnitte sei nicht immer vergleichbar. „Ein Männer-Kurzhaarschnitt benötigt in der Regel einen Zeitaufwand von 20 bis 30 Minuten, das reicht beim Damen-Kurzhaarschnitt nicht immer.“ Hinzu komme, dass Friseure bis zu 30 Minuten für das Föhnen eines Frauen-Haarschnitts benötigten.

Die Friseure im eher städtischen Umfeld beklagen zudem ein eher neues Phänomen. „Diese Barber-Shops machen uns das Leben schwer“, sagt Thomas Trapp von der hessischen Landeshandwerkskammer für Friseure. Was aber im Umkehrschluss bedeutet, dass Friseure ihre Preise bei den Herren-Haarschnitten noch viel weniger anpassen werden. Steht doch zu befürchten, dass die Kunden in der Folge zum nächsten Barber-Shop gehen. Dort zahlen Männer oft, nicht immer, weniger für den klassischen Kurzhaarschnitt mit der Maschine als im klassischen Friseursalon.

Frauen zahlen 55 bis 72 Prozent mehr als Männer

Zu den unterschiedlichen Preisen in Friseur-Salons hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor drei Jahren eine Studie veröffentlich. Darin heißt es: „Frisierdienstleistungen sind der Bereich mit den höchsten und gleichzeitig häufigsten Abweichungen bei unmittelbar vergleichbaren Leistungen.“ In 103 von 116 befragten Friseursalons zahlten Frauen 55 Prozent mehr als Männer für einen Kurzhaarschnitt (Waschen/Schneiden/Föhnen), bei langen Haaren waren es sogar 72 Prozent mehr. In der Studie heißt es weiter: „Die Argumentation der Betriebe, dass bei Frauen bei vergleichbarer Haarlänge stets ein deutlich höherer Arbeitsaufwand entsteht, kann zwar in der Tendenz beobachtet und daher auch teilweise bestätigt werden, jedoch besteht nur eine sehr eingeschränkte Wahloption für Frauen.“ Soll heißen, eine Frau, die einen „Männerschnitt mit wenig Aufwand“ wünsche, werde diesen Wunsch entweder nicht äußern oder nicht erfüllt bekommen.

Die Gründe der befragten Friseure auf: die Komplexität der Frisur, der höhere Beratungsbedarf der Frauen, die seltenere Frequenz und damit stärkere Schnittanpassung, den auch bei kurzen Haaren in der Regel relativ längeren Haaren. Dennoch kommt die Studie zu der Erkenntnis, dass „die Pauschalität dieser Zeitannahmen zu hinterfragen ist.“