So viel Bart wie heute hat es schon seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben, scheint es. Dabei war er nie weg, und ist seit Beginn der Menschheitsgeschichte in allen Varianten ein Ausdruck von Stärke, Zugehörigkeit oder Abgrenzung gewesen. Über das An und Ab des Barts.

Ausdruckselement des Mannes

So viel vorausgeschickt: Frauen hatten mit den großen Bartbewegungen seit Anbeginn nur peripher zu tun. Bei den Alten Ägyptern klebten sich zwar sowohl die Pharaoninnen als auch die Pharaonen den künstlichen, phallusartigen Zeremonien-Bart an, weil er als Zeichen von Stärke und Männlichkeit galt. Sonst aber nahmen Frauen auf die Bartmode der Männer über die Jahrtausende nur indirekt Einfluss, geschweige denn entwickelten sie eine eigene Damenbart-Kultur. Der Bart ist also in gewisser Weise immer ein Ausdruckselement des Mannes gewesen – und sein Aussehen und seine Symbolik gaben lange Zeit die jeweiligen Herrscher vor.

Bärte in der Steinzeit

Vor den Ägyptern – in der Steinzeit – galt er dabei noch als nützliches „Kleidungsstück“, das als wuchtiger Vollbart Wärme spendete und vor Schmutz, Sonne und Rivalen schützte. Bereits bei den Mesopotamiern änderte sich das. Der Bart wurde bei ihnen geölt, mit Zangen und Eisen getrimmt, Gold behangen und sogar in Schwarz oder Rot gefärbt. Auch bei den Alten Griechen wurde er teilweise präpariert, um prunkvoll zu wirken und dem Träger ein hohes Ansehen zu verleihen. Ein langer, gelockter Bart stand hier für Weisheit und Stolz.

Die Makedonier, die vor 2.300 Jahren an die Macht kamen, änderten das, indem sie die Rasur auf den Weg brachten. Vor allem Alexander der Große war hier maßgebend, denn ihn störte der Bart beim Kampf, sodass er quasi als überall sichtbarer Bartloser die Welt eroberte. Bei den Germanen indes rasierte sich der Mann erst, wenn er einen Feind getötet hatte.

Und bei den Römern? Sie folgten zunächst dem Trend des Bartwachsens und Trimmens, was unter anderem erste Barbergeschäfte hervorbrachte. Doch Lucius Tarquinius Priscus setzte hier vor allem mit seiner Hygienereform den entscheidenden Cut für eine glatte Ära, auch wenn dies nicht bei allen Römern auf Begeisterung stieß.

Van-Dyke-Bart im Mittelalter

Im Mittelalter machte Heinrich IV. den Bart abermals populär, was bis in das 16. Jahrhundert zu einer großen Mode mit verschiedenen Formen führte, unter anderem als Van-Dyke-Bart, für den der gleichnamige flämische Maler Pate stand. Mit König Ludwig XIV. verschwand der Bart wieder, galt die Gesichtsbehaarung nun als rau und grob statt fein und höflich, wie man sich in dieser Zeit als Edelmann gern präsentierte. Zar Peter führte in Russland sogar im 17. Jahrhundert eine Bartsteuer ein, die Bartträger zur Kasse bitten ließ. Aber auch die Aufklärung war vielerorts glattrasiert, was nicht zuletzt damalige Meinungsführer wie Kant, Voltaire, Lessing, Goethe, Schiller kultivierten.

Vollbart stand für Stärke

Immer wieder gab es Wellen der Rückkehr wie in Form des Backenbarts zu Beginn des 18. Jahrhunderts und später des Schnurbarts, den dann noch später Kaiser Wilhelm in markant gezwirbelter Form zum Vorbild machte. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Bart aber endgültig wieder ein Muss. Als eine Reaktion auf eine Krise des Männerbildes in der viktorianischen Zeit, erklären Historiker, und auch bedingt durch die zaghaft aufkommende Frauenbewegung. Der Vollbart des Gentlemans stand nun für Maskulinität und Stärke, die demonstriert werden sollte und bis ins frühe 20. Jahrhundert trendsetzend wirkte.

Comeback des Barts

Das letzte Jahrhundert war dagegen eine sehr glatte Zeit. Dazu trug vor allem die Erfindung des elektrischen Rasierapparats bei und das Angebot an Wegwerfklingen. Aufmerksamkeit erzeugte hier entsprechend die Hippie- und Musikbewegung in den 1960er und 1970er Jahren mit ihren vielen neuen Bartvariationen oder die wiederaufkommenden Van Dykes und Vollbärte in den 1990ern. Und so sehr die glatte Version im 20. Jahrhundert der Standard war, so sehr feierte der Bart auch immer mehr sein sichtbares Comeback, vor allem in den letzten zehn Jahren. Ob Koteletten, Dreitage-, Sechstage-, Ziegen-, Backen- oder Hipster-Vollbart – Hauptsache gepflegt, vielleicht sogar in einem der vielen neuen Barbershops. Der Bart ist zum Ausdruck des Lebensgefühls und Lifestyles geworden. Man unterscheidet sich mit ihm, zeigt Persönlichkeit.

Bleibt der Bart zukünftig?

Bleibt der Bart auch in den nächsten Jahren ein großes Thema? Modeexperten sagen ja – allen voran als gepflegter Fünf-Tage-Bart und bei jüngeren Männern als Schnurrbart. Aber auch der Vollbart bleibt. Vorbei seien allerdings die Zeiten des perfekten Konturierens oder Färbens. Weil dies nichts mehr mit Männlichkeit zu tun hätte, sagen manche. Doch es wird ohnehin noch einige neue Varianten in den nächsten Jahren geben, da sind sich alle Experten sicher.